
Vortrag Rudolf Steiners über Lebensführung
Düsseldorf 20.01.1905
Es kommt bei der Lebensführung darauf an, die zwei Gesichtspunkte ins Auge zu fassen: Die eigene Vervollkommnung und unser Wirken im Dienste der Menschheit. Es könnte er scheinen, als ob die eigene Vervollkommnung des Egoismus befördert. Das tut sie auch in gewissem Grade. Aber der Anthroposoph muss fort und fort versuchen, seine Mitmenschen zu helfen- Es heißt: „Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten.“ Unser Wahlspruch muss sein: Du wirst umso mehr von der Welt erhalten, je mehr du bereit bist, der Welt zu geben.“
Die in der Entwicklung Vorwärtskommenden können erleben, dass man am besten vorwärts kommt, wenn man im Sinne dieser Sätze lebt.
Man glaubt gewöhnlich, durch Studium komme man vorwärts. Aber man kommt vorwärts durch die geringste Handlung des Mitgefühls. Können sich die Menschen überwinden, eine Wohltat zu tun, kommt ihnen zu, was sie vorher durch Studium vergebens gesucht haben. Man muss das Leben zur Lektion machen.
Die Menschen bilden sich ihre Grundsätze aus Urteilen heraus. Die Ansichten muss man sich abgewöhnen, die aus Neigung oder Abneigung sich gebildet haben. Man muss ein Urteil bilden auf dem Grunde der Erfahrung. Ein etwas fortgeschrittener Okkultist gewöhnt sich systematisch seine Sympathien und Antipathien ab. Bei jeden neuen Menschen lässt er das zu sich sprechen, was er sieht an den Menschen.
Möglichst wenig Meinungen wird der Theosoph sagen, aber Tatsachen, die auf dem physischen Plan oder dem anderen Plänen erlebt hat. Wenn wir in dieser Weise in der Erkenntnis vorwärts schreiten, wandelt sich unser ganzes Leben um. Der Theosoph sucht sein Denken so umzubilden, dass das Leben zu ihm spricht. Er sagt sich nicht: Dies ist ein Verbrecher, das ist ein Heiliger, oder dies ist eine gute, das eine schlechte Handlung. Er denkt vielmehr bei dem Verbrecher daran, wie dieser zu einer Handlung gekommen sein mag, ob er selbst vielleicht daran schuld ist, mitschuld ist. Der Verbrecher könnte in einem früheren Leben in Beziehung zu ihm gestanden haben, er könnte z.B. ein Schüler gewesen sein, den er nicht richtig erzogen hat. Der Unentwickelte benutzt sein Denkvermögen zum Kritisieren, der Entwickelte sucht Gesichtspunkte, von denen aus er die Dinge betrachtet er sucht die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung.
„Beachtet wohl das Symbol der Schlange“, wird dem okkulten Schüler eingeschärft. Man muss die ganze Welt von dem Gesichtspunkte von Karma und Reinkarnation betrachten.
Das ist die Schlange, die sich ringelt und sich selbst in den Schwanz beißt. Wenn man die Welt unter dem Gesichtspunkt von Karma und Reinkarnation betrachtet, so wird diese Symbol zur Tatsache. Wenn der Mensch sich so einem Mittelpunkt schafft, wird er gerecht gegen die ganze Welt. Er lässt jegliches Ding in seinem Rechte bestehen. Wir schreiten in unserer Lebensführung vorwärts, wenn wir den Menschen selbst nicht beurteilen, sondern ihn stehen lassen und verstehen. Wir nehmen dadurch einen Schleier von uns fort. Das Urteil bildet vor unseren Augen einen Schleier. Es ist das Verwunden, von dem in dem „Licht auf den Weg“ gesprochen wird. (Eh von den Meistern kann die Stimme sprechen, muss das Verwunden sie verlernen)
Damit schaffen wir uns nicht nur die Möglichkeit, ganz objektiv uns zu verhalten, sondern wir schaffen uns einen festen Kern.
Ein Mensch der mir unsympathisch ist, an den verliere ich mich selbst. Wenn ich mein Gefühl der Antipathie unterdrücke, so lasse ich ihn auf seinem Standpunkt stehen und bleib selbst auf meinem Standpunkt. Dadurch gewinnt man eine absolute feste Stütze. Wenn man sich Neigungen und Antipathien hingibt, gerade dadurch wird man lieblos, aber nicht durch das objektive Verhältnis. Dann kann die Selbstbeobachtung in fruchtbarer Weise einsetzen. Dann können wir ungemein viel von der Welt lernen, wenn wir die Dinge an ihrem Orte stehen lassen. Auch der Weiseste kann von einem Kinde viel lernen, von Tieren, Pflanzen etc., wenn wir die Dinge an ihrem Orte stehen lassen.
Gewöhnlich sagt der jenige, der vollkommener werden will bei machen Dingen, das kann ich nicht tun, denn muss das Vollkommenen tun. Es ist nicht immer richtig, seine Vervollkommnung als ersten Grundsatz zu befolgen z.B. nicht, wenn man die andern Menschen dadurch stark verletzt.
Zum Vollkommenheitsstreben gehört auch Resignation. Z.B. jedes Töten hält die okkulte Entwicklung zurück. Aber mit Rücksicht auf unsere jetzige Kultur muss man oft auf einen Grad der Vollkommenheit verzichten. Dadurch, dass man sich absondert kann man vollkommener werden, aber vielleicht andern Leid zufügen. Es ist eine recht gefährliche Art, bloß in abstraktem Sinne auf die eigene Vervollkommnung zu sehen. Wir sollen in dem Kulturmillieu arbeiten, indem wir sind und nicht herausfallen aus unserer Kultur. Wir gewinnen unsere Freiheit nur dadurch, dass wir mit Gelassenheit die Welt durchschreiten, objektiv werden. Vorwärtsstreben und Resignation gepaart sollen wir in der richtigen Art auf uns wirken lassen.
Man gewinnt viel für seine Festigkeit, wenn man z.B. nach einem Ding, was man gern wissen möchte, nicht fragt. Man muss sich dann fest vornehmen, das nicht zu fragen.
Ebenso kann man den Mitteilungstrieb unterdrücken oder sich eine Gewohnheit abgewöhnen. Man beachte die kleinsten Kleinigkeiten des Lebens, denn in der Betrachtung der kleinsten Kleinigkeiten des Lebens liegt das richtige Entwicklungsmittel. Wir müsse niemals nur um unsretwillen die Welt behelligen, sondern nur um der anderen Willen. Je mehr man au die anderen hinhorcht, desto freier wird man.
Damit hängt zusammen die Fähigkeit zum Erringen eines allerersten Urteils. Man muss nicht ohne Weiteres die vorhergehenden Erlebnisse für nachfolgende maßgebend sein lassen. Man muss ein Ding ganz unbefangen auf sich wirken lassen können. Das ist der Glaube in den theosophischen Schriften. Der macht die Bahn frei für ein objektives Wirken in der Außenwelt.
Man muss sich zwischen den Zeilen des Lebens vervollkommnen. Dasjenige befördert am meisten die Entwicklung des Menschen, wovon der andere am allerwenigsten bemerkt.
http://www.uranosarchiv.de/uranosarchiv/Vortraege/Unveroeffentlichte%20Vortraege/050120_3pp-DSC03945_.pdf


Erschöpft und erschreckt von all der Finsternis, die es umgab, von dieser Leere, in der es sich befand, begann das Kleine Ich zu weinen.
Du hast geglaubt, mit deinem Kopf erschaffen zu können. Wisse, daß der Kopf nichts erschafft, da ja alles schon da ist. Es reicht, wenn du mit dem Leben gehst, ohne Gewalt, ohne Gegenwehr, dann wird dir alles, was für dich gut ist gegeben werden.
Oft habe ich versucht, auf mich aufmerksam zu machen, aber du warst zu beschäftigt, um mich zu hören. Du hast viel unnötigen Lärm gemacht, weißt du!
Los, komm mit!
Es hatte geglaubt, daß man auf dieser Welt besitzen müsse, daß man um jeden Preis jemand sein müsse, daß man sein Leben im Schweiße seines Angesichtes verdienen müsse... Und so hatte es alles verloren. Es verstand nun, daß all dies es außer sich gebracht hatte. Es hatte sich im Außenraum verloren.
Nur ein einziger Gedanke der Liebe und ihr findet Euren Freund, das Große Ich, wieder.